Swipe to the left

Autonomes Fahren - Fluch oder Segen?

Autonomes Fahren - Fluch oder Segen?
von Stefan Kaufmann 2. Juli 2016 2315 Anzeigen Keine Kommentare

Ausgelöst durch tödlichen Unfall eines Tesla-Fahrers wird die Thematik des autonomen Fahrens im Netz momentan heftig diskutiert. Die Umstände des Unfalls sind im Detail nicht bekannt, nur dass das Model S mit ziemlicher Geschwindigkeit und mit wohl eingeschaltetem „Autopilot“ in einen abbiegenden LKW gefahren sein soll. Um das Thema autonomes Fahren besser zu verstehen hilft es wenn man die entsprechenden Klassifizierungen kennt (Quelle Wikipedia):

In Europa und den USA wird die Klassifizierung des autonomen Fahrens in sechs Stufen vorgenommen:

  • Level 0: „Driver only“, der Fahrer fährt selbst, lenkt, gibt Gas, bremst etc.
  • Level 1: Bestimmte Assistenzsystem helfen bei der Fahrzeugbedienung.
  • Level 2: Teilautomatisierung. U.a. automatisches Einparken, Spurhaltefunktion, allgemeine Längsführung, beschleunigen, abbremsen etc. werden von den Assistenzsystemen übernommen (u.a. Stauassistent).
  • Level 3: Hochautomatisierung. Der Fahrer muss das System nicht dauernd überwachen. Das Fahrzeug führt selbstständig Funktionen wie das Auslösen des Blinkers, Spurwechsel und Spurhalten durch. Der Fahrer kann sich anderen Dingen zuwenden, wird aber bei Bedarf innerhalb einer Vorwarnzeit vom System aufgefordert die Führung zu übernehmen. Diese Form der Autonomie ist auf Autobahnen technisch machbar. Der Gesetzgeber arbeitet darauf hin, Level 3-Fahrzeuge zuzulassen. Man spricht von einem Zeitrahmen bis 2020.
  • Level 4: Vollautomatisierung. Die Führung des Fahrzeugs wird dauerhaft vom System übernommen. Werden die Fahraufgaben vom System nicht mehr bewältigt, kann der Fahrer aufgefordert werden, die Führung zu übernehmen.
  • Level 5: Die völlige Autonomie des Fahrzeugs. Das Fahrzeug ist ohne Lenkrad ausgestattet, das Fahrzeug kann sich fahrerlos bewegen.


Aktuell ist im normalen Autoverkehr nur Level 2 erreicht, dies trifft auch auf den Autopilot von Tesla Motors zu. Auch wenn das Thema nicht direkt mit Elektromobilität etwas zu tun hat, so hat es mich doch weiter beschäftigt, u.a. auch weil Tesla Motors involviert ist.

In der Luftfahrt sind automatisierte Systeme schon länger in Gebrauch. Wenn auch nicht direkt mit dem Personenwagenverkehr vergleichbar, so sind doch Parallelen zu erkennen und es kann nicht schaden sich ein paar Überlegungen hierzu zu machen.

Tesla Motors weist Fahrer eines Model S an, auch beim Einsatz des Autopiloten jederzeit bereit zu sein um die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen (Level 2). Genauso wird es schon seit Jahrzehnten in der kommerziellen Luftfahrt praktiziert. Denn Fehlfunktionen des Autopiloten und der angeschlossenen Steuerung können nie ganz ausgeschlossen werden.

Wie im Strassenverkehr so ist auch in der Aviatik der grösste Unsicherheitsfaktor der Mensch. Die meisten Unfälle werden direkt oder indirekt durch menschliches Fehlverhalten verursacht. Eine Verkehrsabwicklung auf Stufe Level 5 zu Boden und in der Luft würde also mit ziemlicher Sicherheit eine Reduktion der jeweiligen Unfallzahlen herbeiführen. Allerdings verliert der transportierte Mensch dabei jeglichen Einfluss. Ob er heil an seinem Ziel ankommt bestimmt dann alleine die Technik. Eine für die meisten Menschen sehr unangenehme Vorstellung. Es sind also andere Modelle gefragt. Aber welche?

Übernimmt die Automatik das Fahren resp. das Fliegen, so ermöglichst dies dem Fahrer/Piloten seine Kapazitäten für Anderes aufzuwenden. In einem Flugzeug kann dies z.B. bei einem Systemausfall sehr unterstützend sein, beim Fahren eines Autos ist dieses Szenario kaum relevant da bei einem Systemausfall einfach angehalten werden kann.

Aber auch im Normalbetrieb entlastet ein Autopilot den Piloten oder Fahrer, denn die manuelle Steuerungsarbeit wird von der Automatik weitgehend übernommen. Die Steuerung des Fahrzeugs ist präziser und generell fehlerfreier als wenn dies der Mensch übernehmen würde. Es gibt jedoch Situationen da ist die Automatik nicht mehr Freund und Helfer, sondern sie wird zum echten Problem. Piloten sind mit dieser Problematik vertraut und das Assistenzsystem wird dann auch konsequent ausgeschaltet. Im Strassenverkehr dürfte es jedoch um einiges schwieriger werden dieses Bewusstsein durchzubringen. Um dieses Vorhaben anzugehen, müssten kritische Situationen in denen ein Autopilot nachteilig sein könnte, besser bekannt sein. Allerdings stellt sich dann die Frage ob und wie weit ein solches technisches Verständnis beim Steuern eines solchen Autos verlangt werden kann.

Neue Technik bringt auch neue Probleme und eine Herausforderung wird sein, die neue Autotechnik auch richtig anzuwenden. In der Luftfahrt wird dies durch regelmässiges Training sichergestellt. Im Strassenverkehr eröffnet sich durch den Einsatz automatisierter Systeme ein Problemfeld das nebst den positiven Punkten viele Unbekannten mit teilweise hohen Risiken enthält. Ist wirklich jedem Fahrer klar, dass er jederzeit bereit sein muss um das Steuer zu übernehmen? Gut möglich dass manch einer die Technik machen lässt und sich anderen Dingen zuwendet (Mobile, Filme, Zeitung).

Die Herausforderung dürfte sein die Bedienung eines komplexen technischen Systems für den Nutzer so einfach und sicher wie möglich zu machen. Aber auch wenn das System noch so logisch und einfach zu bedienen ist, es führt kein Weg daran vorbei die Grenzen des Systems zu kennen und diese zu respektieren.

Die lauernden Gefahren sind bei Auto und Flugzeug sicher unterschiedlich. Ein Auto und seine Insassen sind quasi konstant Gefahren ausgesetzt. Statistisch gesehen ist ein Flugzeug vor allem beim Abflug und im Anflug einem höheren Gefahrenpotential ausgesetzt. In diesen Phasen wird das Flugzeug und der Autopilot jedoch streng überwacht.

Genau dies empfiehlt auch Tesla Motors beim Model S. Da bleibt die Frage natürlich, wie viel Freude macht dann das Fahren noch? Wohl kaum gleich viel wie wenn komplett von Hand gesteuert wird. Der Gewinn an Sicherheit mag diesen Nachteil jedoch auszugleichen, vorausgesetzt der Fahrer ist jederzeit bereit zu übernehmen.

Der Ausdruck „Autopilot“ könnte also durchaus den einen oder anderen Fahrer dazu verleiten die Überwachung zu vernachlässigen. So schön sich das Fahren mit Autopilot anhört, es entbindet den Fahrer nicht vom Überwachen des Fahrzeuges. Dies wäre erst ab einem Level 3 (hochautomatisiertes Fahren) oder Level 4 des autonomen Fahrens möglich. Es bleibt also noch viel Arbeit vor uns bis weitere Levels des autonomen Fahrens auf Stufe regulärer Autoverkehr erreicht werden können. Ein mögliche Lösung um weitere Erfahrungen mit hochautomatisiertem Fahren zu sammeln wäre beispielsweise der Einsatz dieser Technik bei berufsmässigem Fahrpersonal. Durch eine entsprechende Schulung könnten die damit verbunden Risiken reduziert werden. Aber ob die Technik auch für den Individualverkehr in jedem Fall zu empfehlen ist, scheint momentan noch nicht abschliessend beantwortet werden zu können.

Author: Stefan Kaufmann, Pilot, Instruktor und Elektroauto-Fahrer





© 2019 ev.zone marketplace