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Elektroauto Start-Ups - ein Update

Elektroauto Start-Ups - ein Update
von Stefan Kaufmann 24. Oktober 2018 3030 Anzeigen 2 Kommentare

Die grosse Revolution der Kleinen – unter diesem Titel haben wir vor gut einem Jahr die vier Start-Ups Microlino, Sono Motors, Uniti und e.GO Mobile, respektive ihre Fahrzeuge, etwas genauer unter die Lupe genommen (siehe hier). Seither haben wir die weitere Entwicklung regelmässig verfolgt. Wie steht es zwischenzeitlich um die Projekte und was wurde erreicht? In diesem Beitrag gehe ich dieser Frage nach. (Lesedauer 10 Minuten)

Übersichtstabelle der Elektroauto Start-Ups als PDF (Update 2018)

Microlino

Beginnen wir mit dem kleinsten Fahrzeug, dem Microlino. „This is not a car!“ sagt Microlino und fügt an: „Inspiriert von Kabinenrollern aus dern 50ern kombiniert der Microlino die Vorzüge eines Motorrads mit denen eines Autos“.

Für den Bau ist die Microlino AG ein Joint Venture mit dem erfahrenen E-Auto Herstellers Tazzari eingegangen. Gebaut wird er seit Oktober 2018, erste Auslieferungen sind für das Jahresende geplant.

Mit dem Microlino hat es seit längerem wieder einmal ein Start-Up geschafft, die Serienproduktion zu erreichen. Eine ganz tolle Leistung wie ich finde. Auch was die Auftragsbücher angeht, sieht es wohl gut aus. Bis anhin wurden über 8000 Vorbestellungen abgegeben. Zwei Drittel der Vorbesteller kommen aus Deutschland und der Schweiz. Was waren die Erfolgsfaktoren? Meine Einschätzung geht dahin: Mit der Micro Mobility Systems AG im Rücken, welche die bekannten und innovativen Micro Scooters herstellt, boten sich einige Vorteile. Erfahrung, Vernetzung und ein etablierter Name sind z.B. einige Aspekte die mir da in den Sinn kommen. Dies soll natürlich die erreichte Leistung keineswegs schmälern, denn es gab mit Sicherheit noch genug Herausforderungen zu meistern, vor allem technischer Art. Denn ein Scooter ist nun mal nicht ein Elektrofahrzeug der L7e Klasse.

Der Microlino ist zwischenzeitlich auch das einzige verbleibende Fahrzeug der L7e Klasse innerhalb dieses Vergleichs. Denn nachdem die e.GO Mobile mit Ihrem „Life“ zur M1-PKW Klasse umgeschwenkt ist, hat diesen Sommer auch Uniti angekündigt, den „One“ als M1 (PKW) Fahrzeug anbieten zu wollen. Als L7e Fahrzeug hat der Microlino damit ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Denn seit der Lancierung des Twizy im Jahre 2012 sind keine nennenswerten L7e mehr zur Marktreife gebracht worden.

Gefällt dir der Microlino? Jetzt weiterdiskutieren im Microlino Forum oder in der Microlino Facebook Gruppe.

Ursprünglich waren die ersten Auslieferungen bereits für Frühling 2018 geplant. Aber da der Microlino nun wirklich auf die Strasse kommt, wird dies beinahe zu Nebensache. In wenigen Tagen soll dann auch ein Online-Konfigurator, zusammen mit einer neuen Webseite, aufgeschaltet werden. Es geht also los und wir wünschen dem Microlino einen gelungenen Start!

Foto: Microlino AG

Uniti One

Wer sich mit Prototypen etwas beschäftigt, der kennt vermutlich auch den Uniti One von Uniti AB aus Schweden. Design ist ja bekanntlich Geschmackssache, aber mich hat dieses schnörkellose Design des Uniti One von Beginn weg fasziniert. Uniti ist vor allem auch durch seine fetzigen Video Updates bekannt geworden. Ähnlich wie bei Sono Motors, wurde durch Social Media eine beachtliche Zahl an Followers generiert und entsprechend fleissig kommuniziert.

Über die Sommermonate wurde es allerdings etwas ruhiger um das Uniti Projekt. Die Informations- Kadenz sowie der Informationsgehalt sank. Musste man sich nun um das Projekt Sorgen machen? Pläne allenfalls in Indien oder in Australien produzieren zu lassen, tauchten auf. Konkretes dazu war allerdings nicht zu erfahren. Man bekam den Eindruck, Uniti sei in einem Umstrukturierungsprozess.

Doch nach der Sommerpause kam wieder etwas Leben in das Projekt. Uniti konnte mit Sally Povolotsky eine erfahrene Fahrzeug-Entwicklerin an Bord holen. Vor einigen Wochen wurde dann bekannt, dass man das Engineering des Uniti One in Silverstone (K) vorantreiben möchte. Ebenfalls wurde bekannt, dass man den Uniti One nun nicht mehr als L7e bauen möchte, sondern das Fahrzeug in der M1 PKW Klasse auf den Markt bringen möchte. Grund für den Wechsel hin zur M1 Klasse sind gemäss Uniti, von der EU geplante gesetzliche Anpassungen bezüglich L7e-Fahrzeugen. Um langfristig planen zu können, wurde entschieden, den Uniti One bereits jetzt fit für die M1 Klasse zu machen. Er soll dabei unter Verwendung von Karbonfasern weiterhin ein leichtes und effizientes Fahrzeug bleiben, jedoch von den erhöhten Sicherheitsanforderungen in dieser Klasse profitieren. Neben dem 2-Sitzer ist weiterhin auch ein 4- oder 5-Sitzer geplant.

Am 24.10.2018 wurde anlässlich einer Facebook-Live Präsentation weiteres zu den Zukunftsplänen bekannt. Neben der Entwicklung des Uniti One, soll auch das erste Pilot-Produktionszentrum in Silverstone zu stehen kommen. Die ersten Vorserienfahrzeuge sollen Ende 2019 fertig sein. 2020 möchte man mit der Produktionseinrichtung starten.

Immer aktuell über denUniti One informiert: Im Uniti One EV Forum oder in der Uniti One EV Facebook Gruppe.

Mit dem Facebook-Live wurde auch der Start zu einer Crowdinvestment-Kampagne bekanntgegeben.

Die nächsten Monate werden also weiter spannend bleiben. Uniti möchte bei der Produktion des Fahrzeuges neue Wege gehen und diese möglichst schlank aufbauen. Man arbeitet daher weiterhin eng mit entsprechenden Lösungen von Siemens zusammen. Ihre Lösung sieht vor, dass das Fahrzeug in entsprechenden hoch-automatischen Produktionszentren möglichst lokal und passend für den entsprechenden Markt, produziert werden kann. Das Fahrzeug selber soll zudem auch für Sharing-Anwendungen optimiert werden.

Foto: Uniti Sweden AB

Sion

Der Sion generiert weiterhin viel Interesse und Medienwirksamkeit. So ist zwischenzeitlich die Zahl von Reservierungen auf über 8000 angestiegen. Eine beachtliche Zahl für ein Fahrzeug, von dem bislang nur ein fahrbarer, jedoch nicht für den Strassenverkehr zugelassener, Prototyp existiert. An einem Vorserienmodell wird jedoch laut Sono Motors schon seit längerem gearbeitet. Dieses soll 2019 präsentiert werden inkl. der Möglichkeit für Probefahrten. Gemäss Sono Motors bestehen die Kontakte zum ausgewählten, aber noch nicht kommunizierten, Auftragsfertiger schon bereits seit Anfang 2017. Die Einstellung von Thomas Hausch als COO mit Erfahrung aus der Automobilbranche zeigt, dass man die Entwicklung des Sion vorantreiben möchte. Aufgrund dessen ist auch die Annahme naheliegend, dass die Entwicklung des Vorserienmodells in Zusammenarbeit mit dem Auftragsfertiger zumindest in Teilen bereits im Gange ist. Das muss sie auch, wenn wie von Sono Motors angekündigt, die Produktion der ersten Fahrzeuge für Ende 2019 anlaufen soll. Noch sind vielleicht nicht alle Verträge mit dem Fertiger unter Dach und Fach. Aber das ist möglicherweise auch gar nicht zwingend, z.B. wenn Verträge aufgesplittet sein können. Ja, da ist noch einiges an Kaffeesatzlesen und Rätselraten mit dabei, aber insgesamt scheint das Projekt weiterhin in voller Fahrt zu sein!

Immer aktuell über den Sion informiert: Im Sion Forum oder in der Sion Facebook Gruppe.

Was die Kommunikation angeht, so hat Sono Motors die Segel etwas tiefer gesetzt und kommuniziert zwischenzeitlich etwas zurückhaltender als auch schon. Auch wenn sich viele Sion Fans neue Informationen wünschen, so ist es durchaus verständlich, dass diese Aktivitäten in der Engineering-Phase zurückgefahren werden. Ich jedenfalls, deute dies als positives Zeichen.

Und wie geht es weiter? Aktuell läuft eine weitere Finanzierungsrunde. Mehr Details dazu auf der Crowdinvesting-Seite von Sono Motors. Die kommenden Monate darf man zudem weitere Einzelheiten zum Entwicklungsstand erwarten. So z.B. ob es ein Vorderradantrieb geben wird oder welche Ladeleistungen AC-seitig erwartet werden können. Dies sollte spätestens bis zur Präsentation eines Vorserienmodells feststehen. Auch der Auftragsfertiger sollte bis dahin genannt werden können. Die Auswahl diesbezüglich ist gemäss meiner Recherche eher klein. Da kommt z.B. Valmet in Finnland oder Magna Steyr in Graz in Frage. Weitere namhafte Firmen in diesem Bereich sind mir nicht bekannt. Denkbar wäre auch, dass Produktions-Kapazitäten eines OEM- Herstellers genutzt werden oder dass die Produktion an einen Fertiger übergeben wird, der sich auf dem Markt der Auftragsfertiger neu positionieren möchte.

Mit seinem Preisschild von 16000 Euro ohne Batterie ist ein Auto ohne Reichweiten- und Fahrassistenzorgien zu erwarten. Dafür soll er umso praktischer werden. Ein guter Ansatz der auch von vielen Interessenten als positiv bewertet wird.

Foto: Sono Motors GmbH

e.GO Life

Am weitesten fortgeschritten in der Entwicklung ist zweifelsohne die e.GO Mobile mit dem Life. Die eigene Produktionsanlage konnten diesen Sommer eingeweiht werden und aktuell werden die Produktionslinien aufgebaut. Zwar gab es auch bei e.GO Mobile immer wieder Verzögerungen, doch ist dem Ziel des Produktionsstarts sehr nahe. Aufgrund neuen Bedingungen die durch den Dieselskandal entstanden sind, ist jedoch mit einem Produktionsstart nicht vor März 2019 zu rechnen.

Spannend wird sein ,wie sich der e.GO Life in der Praxis bewähren wird und wie technische Details schlussendlich umgesetzt wurden. Darüber ist bislang relativ wenig bekannt da bislang der Öffentlichkeit nur Vorserienfahrzeuge präsentiert wurden. Welche Funktionen hat z.B. das Infotainment-System, wie wurde das Lade-Management im Detail gelöst und mit welchem kWh-Verbrauch ist zu rechnen? Viel Neues wird es die nächsten Monate sicher auch zum Thema Vertrieb und Wartung geben. Noch ist allerdings etwas Geduld gefragt. Immerhin: Für alle die den e.GO Life leasen möchten, gibt es zwischenzeitlich weitere Informationen.

Immer aktuell über den e.GO Life informiert: Im e.GO Life Forum oder in der e.GO Life Facebook Gruppe.

Also auch wenn die Produktion demnächst beginnt, so wird auch das Start Up von CEO Prof. Günther Schuh weiterhin stark gefordert sein. Gerade letzter Punkt (Wartung(Vertrieb) ist ein nicht zu unterschätzendes Thema. Wie herausfordernd dies sein kann, zeigt sich am Beispiel Tesla.

Der e.GO Life wird sich auch mit weiteren Konkurrenten in der M1 PKW Klasse messen müssen. So z.B. mit dem Smart der ja bereits länger am Markt ist. Und weitere Konkurrenten von bekannten OEMs werden jedes Jahr mehr. So gesehen sehe ich auch der Diskussion um die beschleunigte Ladung beim e.GO Life gelassen entgegen. Auch wenn der Hersteller den Life weiterhin nur als Stadtauto sieht, so ist es sehr wahrscheinlich, dass auch eine beschleunigte Ladeoption (z.B. 3-phasig / 11kW) nur eine Frage der Zeit sein wird. Dass diese kommt hat der CEO in Interviews (Minute 24:55) ja auch schon mal verlauten lassen.

Foto: e.GO Mobile AG

Fazit

Obwohl immer mehr EVs etablierter Hersteller auf den Markt kommen, bleiben die Chancen ob-genannter Start-Ups durchaus intakt. Es ist vor allem das Timing, das passt. Der Trend hin zur Elektromobilität wird immer stärker, gleichzeitig ist die Angebotspalette noch überschaubar. D.h. es entstehen Angebotslücken resp. Chancen für neue Marktteilnehmer.

"Die Zeit drängt trotzdem, denn das „window of opportunity“ wird nicht permanent offen bleiben."

Der Microlino besetzt eine Nische im L7e Segment. Mit seiner Anbindung an die Micro Mobility Systems AG hat Microlino eine solide Basis mit Strukturen die dem Unternehmen einen erfolgreichen Marktstart sowie weiteres Wachstum in weiteren Märkte ermöglichen. Mit dem Joint Venture mit der Tazzari Group teilt sich die Microlino AG einen Teil seiner Verantwortung und Herausforderungen mit einem erfahrenen italienischen Hersteller von leichten und kleinen Elektrofahrzeugen. Der Microlino ist ein praktischen Fahrzeug für die Mobilität in der Agglomeration/Stadt und macht diese hoffentlich etwas lebendiger, freundlicher und effizienter. Ganz nach dem Motto „for a better urban lifestyle“. Die Kombination ist vielversprechend.

Das Start-Up Uniti aus Schweden ist mit ihrer Idee der skalierbaren, hoch automatisierten Produktion eines Fahrzeuges, das vor allem auf die junge Generation setzt, auf auf dem richtigen Weg in die Zukunft. Die nächste Hürde, die technische Fahrzeugentwicklung, ist angestossen worden. Es ist zu hoffen, dass die kommunizierten Entwicklungs- und Produktionspläne in UK umgesetzt werden können und die Finanzierung vorankommt. Die Ziele von Uniti sind äusserst interessant und der Weg dorthin voller Herausforderungen. Aber: Den Markt für den „Tesla der Megacity“ gibt es. Also: Let‘s get to work, Uniti!

Die Anzahl Reservierungen (eine Reservierung kostet min. 500 Euro) sprechen eine klare Sprache: Es gibt einen Bedarf an einem einfachen, dafür praktischen und kostengünstigen Elektroauto! Sono Motors möchte über den Produktionszeitraum ca. 260‘000 Sion produzieren lassen. Dabei ist die Absicht diese nicht nur einzelnen Besitzern zu verkaufen, sondern die Sion‘s vor allem auch im Car-Sharing einzusetzen. Mit einem entsprechenden Beteiligungsmodell sind so weitere Einnahmen möglich. Auch beim Sion gibt es im aktuellen Marktumfeld durchaus einige Chancen. Und die weitere Finanzierung soll gemäss Sono Motors auf gutem Wege sein. Das gibt dem inzwischen auf 70 Personen angewachsene Sono-Team hoffentlich die nötige Zuversicht, die weiteren Entwicklungshürden zusammen mit dem Fertiger zu schaffen.

Es ist beeindruckend was die e.GO Mobile in so kurzer Zeit in Aachen aufgebaut hat. Und vieles deutet auf einen erfolgreichen Marktstart des e.GO Life hin. Auch darum, weil weite Teile der Konkurrenz keine wirklichen Alternativen am Start haben. Für den Erfolg muss die e.GO Mobile die Produktionsanlagen jedoch auch nach dem 1. Produktionsjahr auslasten können und die budgetierten Stückzahlen erreichen. Das Erreichen dieses Ziels ist durchaus möglich, sofern der „Life“ die allg. Kundenakzeptanz erreicht. Wenn die technischen Lösungen, der Vertrieb und die Wartung zuverlässig, sauber und praxisnah funktionieren, stehen die Chancen gut. 2019 wissen wir mehr.


Werbeanrufer 0203 26. Oktober 2018 um 18:48
Im pdf über die 4 startups stehen NEFZ-Werte. Wie lauten die WLTP-Werte?
Stefan Kaufmann 27. Oktober 2018 um 08:36
Die NEFZ Werte kommen wohl noch daher da die Entwicklung der Fahrzeuge noch vor der WLTP Einführung begonnen hat. Aber ich gebe dir recht, es wäre schön zu wissen, was die praxistauglicheren WLTP Werte denn sind. Zieht man von den NEFZ Werten 30% (Sommer) und 50% (Winter) ab, dann kommt man an realistische Alltagswerte.
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